Donnerstag, 14. Dezember 2017
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„Biotopverbund Audorfer Berge und Almen" in der Umsetzungsphase

Meer von Rosen am Berg erhalten

Schon beim Bundessieg im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft - 2010“ wurde darauf hingewiesen: Das Berg- und Almgebiet der Gemeinde Oberaudorf verfügt über eine Vielzahl seltener Wildrosen und Orchideen und verfügt damit über das wichtigste Vorkommen in den bayerischen Alpen. Die Audorfer Alm- und Bergwiesen sind dank ihres mediterranen Kleinklimas auch für viele seltenen Insekten ein wichtiger Lebensraum. Um diese außerordentlich artenreiche und kleinräumige Kulturlandschaft zu erhalten, öffnet jetzt auch die Regierung von Oberbayern im Rahmen der bayerischen Biodiversitätsstrategie, die 2008 beschlossen wurde, ihre Fördertöpfe: Maßnahmen zum Erhalt wertvoller Tier- und Pflanzenarten auf Berg- und Almwiesen und in Mooren sollen mit bis zu 90 Prozent gefördert werden. Den Rest der Kosten übernehmen die Gemeinde und Kooperationspartner.

In den nächsten Jahren sollen Landwirte, die sich dem „Biotopverbund Audorfer Berge und Almen” anschließen wollen, bei diesen Pflegemaßnahmen finanziell unterstützt werden. Bürgermeister Hubert Wildgruber stellte jetzt im Rathaus die Ergebnisse der seit Herbst vergangenen Jahres laufenden Pilotphase vor.

Das Projektgebiet ist ein Schwerpunkt bedeutender Rosenvorkommen. So weist etwa die Schwarzeckalm das individuenreichste Vorkommen der Apfelrose (Rosa villosa) in den bayerischen Alpen auf. Jedoch drohen auf den abgelegenen Magerstandorten der Almweiden, in den Hochlagen vom Brünnstein und in den schwer zugänglichen Bereichen des Wildbarrengebiets viele dieser Lebensräume und seltenen Pflanzenarten durch eine zunehmende Verbuschung und Bewaldung verloren zu gehen. Diplom-Biologin Christiane Mayr, die für die Regierung die Umsetzung der Biodiversitätsstrategie in Oberbayern betreut: „Die Durchführung von standortgemäßen Pflegemaßnahmen und die Erstellung eines naturschutzfachlich optimierten Bewirtschaftungsplanes für diese Teilflächen sind für den Erhalt dringend erforderlich!"

Die Einzelmaßnahmen auf fünf Almen werden bereits seit Herbst vergangenen Jahres im Projektgebiet von Christian Schäfer, Projektbetreuer der Gemeinde Oberaudorf, koordiniert: So galt es, im östlichen Bereich der Mühlbergalm Fichten und Eschen zu entnehmen, die üblichen Almgehölze zu reduzieren, die notwendigen Weidepfade freizuschneiden sowie geeignete (ehemalige) Rosenstandorte am Rande der Weidefläche freizulegen. Auf der Schwarzeckalm wurden im schwer zugänglichen südlichen Bereich vor allem Fichten, Brombeeren und Haseln entnommen, der Waldrand wurde aufgelichtet sowie für Wildrosengehölze geeignete Standorte freigelegt. Auf der Tatzelwurmweide zeigte sich, dass eine große Anzahl wertvoller Wildrosenarten in den Gehölzen „versteckt” waren.

Diese Restbestände wurden ebenfalls freigestellt und die aufkommenden Fichten entfernt. Die sehr arbeitsintensiven Maßnahmen zur Bekämpfung dichter Adlerfarnbestände auf der Herrenalm und der Schweinsteigeralm wurden für 2012 geplant. Hier drohen wichtige Orchideenvorkommen und Lebensräume von seltenen Insekten verloren zu gehen. Christian Schäfer ist überzeugt, dass der Erhalt dieser seltenen Tier- und Pflanzenarten nur durch die Zusammenarbeit mit engagierten Landwirte, deren Familien seit Generationen bereits ihre Almen pflegen, gelingen kann, nie gegen deren Willen. „Ziel ist es, allen den ökologischen, emotionalen und wirtschaftlichen Wert bunter Berg- und Almwiesen mit ihren farbenfrohen Sträuchern, Schmetterlingen, und Vögeln ans Herz zu legen. In unserer hektischen und technisierten Welt sind solche Paradiese auch für uns Menschen überlebenswichtig.“

Die Projektpräsentation im Oberaudorfer Rathaus verdeutlichte die wohl einmalige Konstellation des Biotopverbunds: Regierungsvertreter, Vertreter der unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Rosenheim, Landwirte und Naturschützer wollen und sollen im Verbund an einem Strang ziehen. Ein Teil dieser Landwirte sind weiterhin skeptisch, erzählt die Ortsbäuerin Katharina Kern: ,Man wisse schon selbst, was zu tun sei‘, heißt es, und ,man brauche man keine Belehrung oder Einfluss von „oben”‘, sprich von Regierung, Landratsamt oder Naturschutz. Magnus Waller, Bauernverbands-Obmann in Oberaudorf, berichtete von den kritischen Frage nach möglichen versteckten Einschränkungen der Bewirtschaftung oder der Gefahr der Doppelförderung. Diese Befürchtungen konnte Kornelia Walter von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rosenheim zerstreuen. Sie zeigte anhand der zahlreichen ähnlichen Projekte im Landkreis, dass den Landwirten lediglich eine Hilfe für eine fachgerechte Biotoppflege angeboten werde und dass einige Landwirte aufgrund ihrer Erfahrungen in solchen Projekten sich ein zweites Einkommen sichern können. Auch in Oberaudorf entwickeln sich ja bereits langfristige Arbeitsaufträge in der Landschaftspflege. Auch hinsichtlich des Schwendprogramms des Landwirtschaftsministeriums wird es auch keine Überschneidungen oder Doppelförderungen geben, da jede Maßnahme vorab einzeln mit den Amt für Landwirtschaft abgestimmt werde.„Hier muss man betonen, dass die Teilnahme an dem Verbund freiwillig ist", unterstrich auch Bürgermeister Hubert Wildgruber.

Christiane Mayr gab zudem zu bedenken, dass sich die Situation in der Landwirtschaft sehr verändert habe. Viele Bauern und Grundstücksbesitzer verzichten heute auf den Erhalt wenig ertragreicher Futterflächen auf den Bergwiesen und Almweiden. „Hier soll der Verbund aktiv werden und helfen", unterstrich sie mit Verweis auf die Arbeit etwa des Maschinenrings.

Auch Sepp Kern, Bezirksalmbauer im Landkreis Rosenheim, betonte, dass ein derartiges Projekt eine Ergänzung zum herkömmlichen nachhaltigen Wirtschaften auf den Almen und Bergbauernhöfen sein könnte: „Die Gesellschaft erwartet von den Almbauern eine gepflegte und artenreiche Berglandschaft, daher ist es nur logisch, wenn wir bei dieser Arbeit unterstützt werden.”

Unter die Arme greifen den Landwirten und Grundstücksbesitzern bei Bedarf ortsansässige Jungbauern - oder auch naturbegeisterte Jugendliche und Kinder, wie es schon im Herbst vergangenen Jahres auf der Tatzelwurmweide praktiziert wurde. Es gelte miteinander aktiv zu handeln und so auch ein Bewusstsein in der Bevölkerung für die äußerst wertvollen Almflächen zu schaffen. Wertvoll sei die Arbeit auch für die Naherholung unserer Mitbürger und für den Tourismus, da so unsere tausend Jahre alte Kulturlandschaft erhalten werden kann, betont Bürgermeister Wildgruber.

In vielen Gemeinden werden bereits große Summen für den Erhalt ehemaliger Weideflächen investiert; teilweise rücke sogar der Bauhof zur Almpflege aus.

In einer seiner nächsten Sitzungen wird das Projekt und die Finanzierungsform von Behördenseite nochmals dem Gemeinderat eingehend vorgestellt, dann sind die interessierten Landwirte am Zug und können freiwillig am Biotopverbund teilnehmen.

Text: Eva-Maria Gruber

 

Wildrose

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Ein Meer von Wildrosen kennzeichnet die Berg- und Almregion in Oberaudorf. Der Biotopverbund soll helfen, diese der Nachwelt zu erhalten.

 

Biotop

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Die Konstellation des Biotopverbunds ist wohl einmalig in Bayern: Regierungsvertreter, Vertreter der unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Rosenheim, Landwirte und Naturschützer wollen und sollen im Verbund an einem Strang ziehen. Unser Bild zeigt eine Begehung der Region im Herbst. Repros: ge